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Faszination Ballonfahrt |
Warum gibt es im Jet-Zeitalter Menschen, die sich mit einem Vehikel der Luft anvertrauen, das seit seinem ersten Aufstieg im Jahr 1783 im wesentlichen unverändert geblieben ist? Mit dem man zwar von A nach B kommt, aber nie weiß, wo B sein wird – zumindest nicht so genau. Trotzdem erlebt das Ballonfahren in unseren Tagen einen Boom. Reine Nostalgie? Oder symbolisiert die Ballonfahrt etwas, das uns in unserer hektischen Zeit zunehmend abhanden kommt? Ist es die Wiederentdeckung der Beschaulichkeit, eines Gefühls für die Natur und ihre Rätsel? Ist es die Lust am Loslassenkönnen – die Einsicht, daß Harmonie mit der Umwelt nicht durch den Einsatz hochkomplizierter Technik ›herstellbar‹ ist? Es mag viele Gründe geben. Fest steht jedoch: Ballonfahren bleibt immer ein kleines, manchmal auch ein großes Abenteuer. Und es ist heute noch genauso faszinierend wie vor zweihundert Jahren. Verändert hat sich jedoch der Sicherheitsstandard, der dem hohen Niveau der Allgemeinen Luftfahrt entspricht. Vorbei auch die elitäre Exklusivität früherer Jahre; Ballonfahren wurde der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Mancher, der in einem Passagierflugzeug sitzt und durch die winzigen Fenster blickt, wünscht sich, mal da draußen zu sein, als Teil der Luft, draußen im Blau – über den Wolken. Durch nichts eingeengt, völlig losgelöst schweben im unendlichen Raum. Eine Vorstellung, die etwas Traumhaftes hat. Ohne technische Hilfsmittel wird sie jedoch immer ein Traum bleiben. Mit Hilfe eines Heißluftballons aber können wir ihr näher kommen. Wir müssen uns nur einlassen auf dieses Abenteuer. Ballonfahren ist nicht Fliegen – es ist die andere Art, sich in die Luft zu begeben. Ein einfaches Prinzip: warme Luft ist leichter als kalte und steigt deshalb. Jetzt gilt es nur noch, diese warme Luft einzufangen, zusammenzuhalten in einer Hülle aus Nylon, sie so lange weiter zu erhitzen, bis sie in der Lage ist, einen Korb samt Brennstoff und Passagieren in die Luft zu heben. Wird weiter geheizt, steigt der Heißluftballon, kühlt die Luft in der Hülle ab, geht’s wieder nach unten. Klingt einfach und plausibel, hat nur einen kleinen Haken: es ist auch das einzige, was ein Heißluftballon an Steuerungsmöglichkeiten hat. Nicht viel, aber trotzdem genug, um im Luftraum unterwegs zu sein. Uns reicht es aber nicht, nur in der Luft zu sein – wir wollen unseren Horizont erweitern. Und auch wieder heil zur Erde zurückkommen. Doch wie soll das funktionieren, wenn wir weder links noch rechts steuern können, um einem Hindernis auszuweichen? Ballonfahrer können Richtungsänderungen nicht aktiv steuern, und gerade das macht die Sache so spannend: um ihr Ziel zu erreichen, müssen sie die Natur verstehen, die Gesetzmäßigkeiten kennen, von denen Richtung und Stärke des Windes abhängen. Denn weil er in verschiedenen Höhen aus unterschiedlichen Richtungen kommt, gilt es, sich diesen Umstand zunutze zu machen. Indem der Ballonfahrer diejeweils günstige Höhe für die gewünschte Richtung herausfindet, kann er den Heißluftballon zu einem gewissen Grad ›steuern‹. Er muß nur den ›richtigen‹ Wind erfühlen. Wind gehört zum Ballonfahren, er ist der ›Motor‹. Zu schwacher Wind schafft keinen Aktionsradius – zuviel Wind läßt uns nicht in die Luft kommen, geschweige denn heil wieder runter. Auch vertikale Strömungen wollen beachtet sein, besonders solche, die durch die Erwärmung der Erdoberfläche entstehen: Thermik. Kleinräumige, schnell steigende oder fallende Luftmassen machen es schwierig bis unmöglich, einen Heißluftballon in der gewünschten Höhe zu halten. Dann wird die Sache ungemütlich. Deshalb sind Heißluftballone im Sommer meist nur am frühen Morgen und am Abend in der Luft, in der thermiklosen Zeit, im Winter den ganzen Tag über. Zwar ist Ballonfahren prinzipiell fast immer möglich, die Ausnahmen sind jedoch zu respektieren.Einengung? Doch keine grenzenlose Freiheit? Freiheit hat Grenzen, und diese sind absolut zu respektieren. Diejenigen, die uns die Natur beim Ballonfahren setzt, lassen jedoch noch genügend Spielraum für luftige Abenteuer. Ob in großer Höhe gefahren wird, mit atemberaubendem Panoramablick auf die Alpen, oder in geringer Höhe über Stadt und Land – immer gibt es Neues zu entdecken, werden aus erhöhter Position Einblicke gewährt, die nur dem ›Luftmenschen‹ zuteil werden. Und es bleibt Zeit zum Betrachten, zum Auf-sich-wirken-lassen. Der Blick über den Korbrand in die Tiefe ist vergleichbar mit dem Blick von einem hohen Turm – nur mit dem Unterschied, daß sich jenes unangenehme Kribbeln oder Schwindelgefühl nicht einstellt, das uns dort schon mal befallen kann. Liegt es daran, daß wir uns als Teil des Heißluftballons empfinden? Der Heißluftballon ist Teil des Windes geworden, in dem Moment, wo er die Erde verlassen hat. Und somit auch wir.Nur wenn wir uns gar nicht, schneller oder langsamer oder in eine andere Richtung bewegen als der Wind, nehmen wir ihn war. Nur solange wir ihm Widerstand bieten. Beim Ballonfahren ist diese Differenz aufgehoben: wir sind eins mit dem Wind. Weil wir den Wind nicht spüren, können wir in großer Höhe, wenn sich unser Schatten vom Boden gelöst hat, schwer einschätzen, ob wir uns wirklich bewegen. Ein Satelliten-Navigationsinstrument, GPS genannt, verrät jedoch unbestechlich Richtung und Geschwindigkeit über Grund. Ein Höhenmesser und ein Variometer, das anzeigt, wie schnell ein Heißluftballon steigt oder sinkt, sind außer einer Tankuhr an den Gasflaschen schon alles, was der Ballonpilot an technischen Hilfsmitteln braucht. Technik ist gut und auch wichtig, gibt Sicherheit und Kontrolle, doch letztlich zählt das Gefühl des Ballonfahrers für sein Gefährt, das Gespür für Wind- und Wetter, das eine gelungene Fahrt garantiert. Bei jedem Start vollzieht sich eine Metamorphose: bunte Stoffbahnen verwandeln sich durch erhitzte Luft in ein Vehikel, das nicht nur durch die Luft fährt, sondern auch größtenteils aus ihr besteht: in ein ›Luftfahrzeug‹, einen Heißluftballon. |

