Ballonfahrt

über Tataouine

Eine Staubfahne markiert den Konvoi der Ballonfahrer in der flachen Gegend nördlich von Tataouine. Was wie ideales Startgelände aussieht, zeigt sich bei genauerem Hinsehen wenig einladend – kratziges, niedriges Gestrüpp – Gift für die Ballonhüllen.

Weitersuchen. Es ist bereits nach vier. Die Startplatzwahl fällt auf ein brachliegendes, staubiges Feld. Eile beim Aufbau zur Ballonfahrt ist geboten. Als maximale Fahrzeit verbleiben noch etwa eineinhalb Stunden. Und die Zeit der Dämmerung ist hier im Süden sehr kurz. Die Frage, wer heute Stefan bei der Ballonfahrt begleitet, ist bereits entschieden: Patrick, Bernhard und ich. Wolf will passen und mit Roger die Rückholung übernehmen. Charles' Ballon und unser »LIMES« heben gemeinsam zur Ballonfahrt ab, treiben aber schnell auseinander. Thermik ist um diese Tageszeit nicht mehr zu erwarten. So gönnen wir uns jetzt die Höhe, die wir uns bisher versagen mussten. Tausend Meter unter uns haben Roger und Wolf die Verfolgung bereits aufgenommen. Das Gespann mit dem weißen Hänger ist gut auszumachen.

Ruhig ziehen wir unsere Bahn über einem Landstrich, der in keiner Weise mit der erhabenen Landschaft von heute morgen konkurrieren kann. Lange Schatten haben sich über die Ebene gebreitet, die flach, grau und eintönig unter uns liegt. Der Blick ist nicht mehr so gefesselt, und die Gedanken haben während der Ballonfahrt Raum zum umherschweifen. Ich stütze mich auf den lederbezogenen Korbrand und versuche, die Spucke, die senkrecht nach unten fällt, möglichst lange im Auge zu behalten. Der Gedanke, selbst zu fallen, löst ein Krib­beln in der Magengegend aus und lässt die Knie weich werden. Die letzten Sonnenstrahlen werfen ihr Licht auf die Hülle, die drei­tausend Kubikmeter heiße Luft umschließt und silbern und blau glänzend im tiefblauen Raum über uns steht. Ihr Anblick flößt Vertrauen ein. Die Grenzen, die die Natur uns heute morgen warnend aufgezeigt hat, sind weit hinausgeschoben. »Roger für Stefan, bitte kommen!« »ja, Stefan, was gibt’s ?« »Ich möchte noch am Boden sein, bevor es richtig dunkel ist; es wird wahrscheinlich eine Schleiflandung geben. Kannst Du uns einho­len bis zur Landung ?« »Ich versuchs, aber Du musst mich lotsen, ich muss erst durch den Ort durch! « »Okay verstanden«. Langgezogene Rauchfahnen signalisieren stärkeren Bodenwind. Das mit der Schleiflandung wird schon hinkommen. Einige hundert Meter vor uns über den blaugrauen Schatten und den fahlrosa Hügeln, die von hier oben fast wie Dünen aussehen, ist der gelbe Ballon bereits kräftig am Sinken. Charles muss die Rauchfahnen auch gesehen haben und möchte seine Ballonfahrt beenden.Weiter zu fahren macht keinen Sinn. In einer halben Stunde ist es bereits finster. »Roger, nach dem letzten Haus am südlichen Ortsausgang geht links ein Weg rein, der sich dann nochmals gabelt. Nimm den linken, fahr' geradeaus, und dann siehst du uns sowieso. Ich geh' jetzt tiefer.« »Okay, verstanden. Links, und an der Gabelung wieder links! « Mit geschätzten – die Batterien vom GPS sind leer – zehn Knoten schiebt uns der Wind über den Ort. Stromleitungen, die in diesem Gelände besonders schwer auszumachen sind, entdecken wir keine. Nur einige Olivenbäume stehen uns im Weg. Es ist besser, sie nicht zu streifen, sie eignen sich nicht, den Korb abzubremsen – ihre Äste sind zu sperrig – der Korb könnte hängen bleiben und kippen.

Wir halten die Höhe und fahren drüber weg. Letzte Anweisung von Stefan: »... bevor wir aufsetzen, in die Hocke gehen und gut an den Hal­teschlaufen festhalten, damit mir keiner aus dem Korb fällt ...! «

Erste Bodenberührung. Der Korb schleift über den Sand und wird von der Hülle überholt. Erneut heben wir ab, um sofort darauf wieder aufzu­setzen. Noch ein paar mal werden wir auf diese Weise durchgeschüttelt, bis die Ballonfahrt endgültig zu Ende ist und der Korb sich zur Seite legt. Auf allen Vieren krabbeln wir raus. Roger hat es nicht geschafft, rechtzeitig dazu sein. Die linke Piste, auf die wir ihn gelotst hatten, war nicht befahrbar. Aber von oben konnten wir nur deren Verlauf sehen – leider nicht den Zustand. Trotz des Windes kom­men wir mit der Hülle auch allein zurecht. Außerdem sind da noch eini­ge begeisterte Einheimische, die beim Einpacken fröhlich mit Hand anlegen. Dank Patrick gibt es keine Verständigungsprobleme. Alle Fra­gen zur Ballonfahrt beantwortet er erschöpfend auf französisch, seiner Muttersprache.

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