Ballonfahrt über

Medenine

Übergroße, knatternde Ventilatoren blasen Luft in die schlaffen Hül­len, die erst allmählich die Form eines Ballons annehmen und die der Wind auf dem rotbraunen Sand leicht hin und her rollt, zusammen­drückt und wieder füllt. Mit lautem Fauchen schießen die Gasbrenner Feuerstrahl um Feuerstrahl ins Innere der bunten Stoffkugeln. Mit heißer Luft zum Leben erweckt, richten sich die Ballone allmählich auf. Manni löst das Sicherungsseil, das den Ballon am ungewollten Abheben gehindert hat. Noch ein paar mal feuern und langsam entschwindet der Boden. Wir sind nicht die ersten, die an diesem Tag zur Ballonfahrt starten. Besser eingespielte Ballon Teams waren schneller und geben bereits die Fahrtrichtung vor. Zwölf übergroße »Christbaumkugeln« driften nun in niedriger Höhe über die Stadt nach Osten. Das Leben unter uns spielt sich fast ausschließlich in den Innenhöfen ab. Die Sicht während der Ballonfahrt gewährt Einblicke, die dem Fremden am Boden verwehrt bleiben. Leute winken zu uns herauf, und die Begeiste­rung der Kinder ist selbst hier oben noch überdeutlich zu hören.

Doch einige Frauen ziehen vorsorglich den Schleier vors Gesicht. Man weiß ja nie...

Der Wind trägt uns genau über das Hotel hinweg, in dem wir noch vor zwei Stunden ungeduldig auf unsere erste Ballonfahrt über Nordafrika gewartet haben. Aus dieser Perspektive scheint es so, als läge das schon eine Ewigkeit zurück.

Der Blick richtet sich zum Horizont, wo sich im Gegenlicht die Tafelberge um Tataouine abzeichnen. Das Ziel unserer nächsten Ballonfahrten. Aber noch hat uns der Boden nicht wieder. Die Schatten sind bereits sehr lang, und die steinigen und unebenen Freiflächen zwischen den halbfertigen Häusern am Stadtrand werden immer größer. Die Höhe über Grund beträgt nur noch wenige Meter. Ein paar Kinder laufen schreiend dem Ballon hinterher, rufen etwas von »Dinar, Dinar«, werfen Steine nach uns und geben dann am nächsten Graben, der quer zur Fahrtrich­tung liegt, auf. Noch hat unser Ballon etwas Fahrt, und Manni meint, dass wir nicht unbedingt ganz sanft aufsetzen werden. Eine ebene Fläche mit spärlichem Grasbewuchs liegt genau in unserer Drift fünfzig Meter voraus, frei von Hindernissen und frei von stacheligen, dornigen Büschen, die so gerne kleine Löcher in die Stoffbahnen reißen. Gibt es einen idealeren Ballonfahrt Landeplatz? Es gibt, aber das fällt uns erst hinterher ein. Zu sehr waren wir noch an das Denkschema gebunden, dass es unbedingt eine Wiese sein muss, auf der wir sanft niederzugehen pflegen. Zuhause ja. Aber nicht hier, wo jedes kleine Fleckchen Grün, das dem kargen Boden abgerungen wird, viel Mühe bedeutet. Möglichst schnell versuchen wir unseren Ballon abzurüsten. Doch die nächste Kinderschar hat uns bereits eingeholt, trampelt schreiend und um Kugelschreiber bettelnd im spärlichen Gras herum. Da taucht wie aus dem Nichts ein Mann auf, schimpft drauflos, was das Zeug hält. Schuld bewusst beziehen wir das auf uns und sehen zu, dass wir von hier wegkommen. Als er die Kinder vertrieben hat, kommt er auf uns zu. Seine Miene hat sich aufgehellt. Er befühlt Ballon Korb und Hülle, nickt anerkennend, und nachdem er sich von jedem persönlich mit Handschlag verabschiedet hat, verschwindet er mit seiner kleinen Tochter wieder im Dunkel. Mühsam navigieren wir quer durch die Stadt zurück zum Startplatz, wo der Tankwagen bereitsteht. Wir reihen uns ein in die Warteschlange, um den Gasvorrat für die nächste Ballonfahrt aufzufüllen. Jetzt ist es die Sache von Roger, uns nach Tataouine zu bringen. Müde hängen wir unseren Gedanken nach und lassen die Eindrücke unserer ersten Ballonfahrt Revue passieren.

» weiter zu ›Ballonfahrt über Douirat‹