Ballonfahrt 

über Ksar Ghilane

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Mit unserem »LIMES« sind es zwölf Ballone, die jetzt sehr tief zwischen den Dattelpalmen durch die Oase treiben. Ruhige Luft und nur ein Hauch von Wind aus Ost erlauben uns diese Ballonfahrt auf Tuchfühlung. Zwanzig Minuten über die Oase von Ost nach West. Jetzt muss die Entscheidung fallen: Sofort landen oder die Ballonfahrt fortsetzen und noch ein Stück weiter zum Römischen Fort – beide Variationen ermöglichen die schnelle Rückholung –oder hochsteigen und unser Glück versuchen. Da fällt mir dieser blöde Spruch ein-. »No risk, no fun!« Stefan entscheidet: Fun, but no risk!« Aber: »A bisserl was geht immer! Zwei Körbe haben sich schon für eine kurze Ballonfahrt und die Landung entschieden. Aus großer Höhe sieht es aus, als würden winzige bunte Bälle auf braunem Wasser treiben, das der Wind kräuselt. Wir aber wollen mehr. Während des Aufstiegs an die zugelassene Obergrenze von zweitausend Metern über Meereshöhe, die die militärische Flugsicherung für diese Ballonfahrt vorgegeben hat, hat sich unsere Position über Grund kaum verändert. Über uns hängt Charles, der sich langsam von uns Richtung Osten wegbewegt. Auch wir steigen auf Maximalhöhe und die Ballonfahrt führt uns ebenfalls weg von der Oase, die als großes. graugrünes Rechteck im gelben Sand unter uns liegt. Das GPS, inzwischen mit neuen Akkus bestückt, vermerkt zweiundsechzig Grad. Geschwindigkeit über Grund: sieben Knoten. Stefan betätigt abwechselnd die beiden Brenner. Plötzlich kein kräftiges Fauchen mehr. Nur ein kleines Flämmchen züngelt aus dem rechten Brenner. Dann nichts mehr. Zündschalter betätigen, wie es die Betriebsanleitung vorsieht. Nichts. Das kann nicht sein, die Flasche ist noch halbvoll. Stefan heizt nur noch mit einem Brenner. »Keine Panik, ein Brenner funktioniert ja – und selbst wenn dieser ausfallen sollte – wir sinken nie stärker als mit maximal fünfeinhalb Metern pro Sekunde. Das entspricht etwa einem Sprung vom Schlafzimmerschrank«, meint Stefan. Keiner von uns ist je von einem Schlafzimmerschrank gesprungen –aber dieser Vergleich hat irgendwie was Beruhigendes, obwohl er, in dieser Höhe während einer Ballonfahrt vorgetragen, ziemlich absurd klingt. »Nimm mal die Fototasche weg, ich muss den Gasschlauch umstecken.« Plötzlich funktioniert der Brenner wieder. Aber nur so lange, wie ich die schwere Fototasche nicht wieder auf die Anschlüsse der Gasflasche lege. Kleine Ursache – große Wirkung. Das Gewicht der Ausrüstung hat auf ein Ventil gedrückt und dadurch die Energiezufuhr unterbrochen. Die dunkle, graublaue Wolkenwand aus Nordwesten rückt näher. Dieses Licht! Ein famoses Schauspiel, wie Wolken und Sand am Horizont ineinander fließen. Doch es sieht nach Regen aus. Vorsorglich gehen wir tiefer – die Gewichtszunahme durch den Regen kann eine Ballonfahrt schnell beenden. Wir treffen keine einsame Entscheidung. Auch Charles, der rot-gelb gestreifte Ballon unter uns, und der silberfarbene Ballon, der noch weiter voraus fährt, gehen tiefer. Absolut flach erscheint die Wüste aus der Vogelperspektive. Die Piste, die Ksar Ghilane mit Tataouine verbindet, behallten wir immer im Auge – näher ran kommen wir jedoch nicht. Wir treiben sogar zurück, weg von der Piste, hin zu den Dünen. Ohne Instrument wäre es fast nicht wahrnehmbar – dazu fehlen einfach die Bezugspunkte. Der erste Ballon, es ist der von Charles, hat bereits Bodenkontakt und steht jetzt auf einer schnurgeraden Piste, mit der auch wir liebäugeln, weil sie direkt auf die Hauptroute zuführt. Der zweite landet soeben, vom ersten keine zweihundert Meter entfernt. Und er bewegt sich – das Team muss das Gefährt wohl in die Nähe von Charles schieben. An der Werbe­aufschrift erkennen wir, dass es Rudi ist. Wir möchten ihnen auch Gesellschaft leisten, treiben im Moment jedoch mit Fußgängertempo weiter ab. Dann setzt Stefan den Korb but­terweich in den Sand. Die Wüste ist hier bei weitem nicht so flach, wie sie uns vorgegaukelt hatte; denn die beiden Ballone sind von hier aus nicht zu sehen, obwohl sie noch zu unserer Orientierung weiter stehen bleiben.

Wie ein Kutscher auf dem Korbrand sitzend, hält Stefan das Gefährt wenige Zentimeter über dem Boden in der Schwebe. Erstaunlich leicht lässt sich das riesige Ungetüm gegen den Wind bewegen. Oder hat dieser schon wieder gedreht? Wir schieben weiter, weil wir sowieso nichts Sinn­volleres tun können und weil wir sehr schnell merken, dass die Piste, von der wir uns die schnelle Rückholung nach unserer Ballonfahrt versprochen haben, in längeren Abschnitten längst versandet ist. Hier kommt keiner der Geländewagen durch. Solange sie nur das rote Top des blau-silbernen »LIMES« sehen konn­ten, hatten die vor uns Gelandeten geglaubt, wir schaffen es mit dem Wind zurück, so ausdauernd und gleichmäßig haben wir die letzte halbe Stunde geschoben. Um halb zehn stehen, wie an einer Schnur ausgerichtet, drei Wei­denkörbe abholbereit im Sand. Die Hüllen sind bereits in den Pack­säcken verstaut. Soweit das Auge reicht nur flache Sandhügel und darauf vereinzelte, graugrüne Sträucher.

Patrick ist am Witzeln: »Drei Bayern und ein Franzose mit ihrem Heißluftballon in der Sahara vermisst ...« Tatsächlich wird der Himmel dunkler und es fängt an, ganz leicht zu regnen. Nicht weiter schlimm, vielleicht nur ein kurzer Schauer... Die Kontaktaufnahme mit den Verfolgern über Funk gestaltet sich schwierig. Flugfunkgeräte taugen nur bedingt für die Verständigung am Boden. Alle haben Ihre Ballonfahrt beendet, kein Ballon ist mehr am Himmel, der für uns Relaisstation machen könnte. Gut, dass wir noch in der Luft die Koordinaten des vor­aussichtlichen Landegebietes an Roger durchgegeben haben.

Der ist mit Charles' Campmobil schon zu uns unterwegs, hat sich fest­gefahren und muß sich erst freischaufeln. Charles und Erich sind zu Fuß losgezogen, ihm zu helfen. Eineinhalb Stunden später wühlen sie sich mit dem Campmobil im Zickzack-Kurs durch den Sand zu uns zurück. Roger stapft derweilen durch den Sand zur Hauptpiste und trampt zurück zur Oase, um den Pajero zu holen. Die Strategie ist folgende: zuerst die Leute rausbringen an die Piste, dann das Gerät. Aber zwei Ballone auf dem Hänger sind einfach zuviel, das zieht der Camper nicht. Charles will es nicht glauben. Bis auf uns vier, die wir zurückbleiben und erst mit der zweiten Fuhre rauswollen, sitzen die anderen Ballon Besatzungen bereits im Auto. Nach fünfzig Metern ist die Fahrt mit dem Hänger wieder vorbei. Der sitzt chancenlos fest. Da nützen auch keine endlosen Diskussionen; der Hänger muss stehen bleiben. Der Camper jedenfalls schafft es nicht, ihn zu ziehen. Auf ein neues. Diesmal ohne Hänger. Charles überlässt uns noch eine Zeltplane, mit der wir unseren Korb abdecken können. Über den Korb und zwei Zeltpfosten gespannt, ergibt das Ganze einen überdachten, trockenen Sitzplatz. Wir kriechen unter das Vordach – denn jetzt regnet es richtig. Bald jedoch wird es wieder heller, und wir stapfen durch den Sand auf einen der unzähligen kleinen Hügel, um über Funk wieder Kontakt mit Roger aufzunehmen. Wird auch Zeit. Es ist inzwischen zwei vorbei. Als wir mit dem Fernglas die Gegend absuchen, sehen wir den Camper. Sie sind nicht weit gekommen und schaufeln schon wieder.

Nach drei haben wir Roger endlich am Funk. Er hatte sich auch mit dem Pajero zwischendurch festgefahren, steht jetzt aber auf festem Grund und will sich eine andere Piste suchen. Die gute Nachricht: Peter vom Feldschlößchen-Team hat unsere Situation irgendwie über Funk mitbekommen und lässt ausrichten, dass er mit seinem Fahrzeug bereits zu uns unterwegs ist. Der Camper kommt zurück, und dann ist auch schon Peter da. Sein Gefährt löst mit breiten Reifen und ordentlichen Pferdestärken alle Probleme. Bis wir bei Roger sind und umgeladen haben, geht die Sonne bereits unter und zurück in der Oase ist es stockfinster. Alle sind wieder heil zurück. Angeführt von Abderassak verläßt der Konvoi ohne uns Ksar Ghilane und macht sich auf den Weg über die nächtliche Piste nach Douz. Wir werden morgen nachkommen. Bernhard ist nicht transportfähig – ein Migräneanfall zwingt ihn in die Knie. Da hilft nur absolute Bettruhe. Wie selbstverständlich bereiten die Salim-Brüder eine Schlafmöglichkeit unterm Dach für den Kranken und für uns. Das Zeltlager wollen sie uns nicht zumuten – es regnet in Strömen, und es ist saukalt.

Bernhard ist in seinem Schlafsack versorgt, und wir können zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Die Auswahl in der Wüstenbar ist nicht groß. Bier und Rotwein. Aber davon reichlich. Der jüngere der Salims hat heute Geburtstag und außerdem noch Thekendienst. Als Gastronom aus Leidenschaft sieht Patrick seine Stunde gekommen: er übernimmt kurzerhand den Service und lädt uns alle noch auf den guten Whisky aus dem Duty Free ein. Und die Salims machen Musik. War das ein Tag! Das Licht der Petroleumlampen und die sanften Trommelrhythmen zu den Liedern der Wüste lassen uns vergessen, dass es. noch ein Morgen gibt ...

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