|
Ballonfahrt über Ksar Ghilane
|
»Um zwei abfahrbereit sein. Alles Gepäck mitnehmen. Wir kommen nach der Ballonfahrt nicht mehr hierher zurück.« Das war vor drei Stunden. Inzwischen hat jeder, außer Roger und denen, die das Pistenfahren gewöhnt sind, die Schnauze voll von der Wellblechpiste mit den Weichsandablagerungen. Und kein Ende abzusehen. Bei der letzten Pinkelpause hat sich die Sonne bereits versenkt. »Noch eine Stunde,«, meint Abderassak Benamar, der Veranstalter, »dann sind wir in der Oase.« Sein Wort in Allahs Ohr! Natürlich dauert es viel länger, bis unsere Gespanne in stockdunkler Nacht unter den Palmen der Oase ihren Parkplatz gefunden haben. Jetzt das Kontrastprogramm: gestern klimatisierte Nobelherberge -heute Beduinen-Sammellager, saukalt. Ein paar Feldbetten in den Sand gestellt, Schlafsack drauf. Fertig! Nur einige schwarze Stoffbahnen trennen den müden Reisenden vom Himmelszelt; wie bei den echten Söhnen der Wüste. Aber eine Toilette gibt es, sogar elektrisch beleuchtet - aber ...! Vielleicht muss man ja gar nicht! Über der Holzkohlenglut aus Palmzweigen werden bereits zwei Lämmer gegrillt. Gedränge am Feuer, obwohl der Geruch von Lamm für so manchen schier unerträglich ist. Aber es ist der einzige warme Fleck, außer unmittelbar um die mit Dieselöl getränkten, stinkenden Fackeln. Der Tipp mit dem Duty-Free-Shop war nicht schlecht: »Nehmt Euch eine Flasche guten Whisky mit, den kann man immer brauchen ...« Stimmt! Das ist jetzt das einzige, das ein wenig aufwärmt, zumal auch das Lamm eiskalt auf den Tisch kommt. Was soll's. Wir sind ja zum Ballonfahren hier und auf keinem Gourmet-Trip ... Heute wird's wirklich nicht lang. Erste Konditionseinbrüche und die ekelhafte Kälte treiben uns in die Schlafsäcke. Keiner ist gewillt, mehr als die Schuhe auszuziehen. Morgen wieder Wecken um fünf und bereit sein zur Ballonfahrt um sechs. Ich schlafe wie ein Murmeltier. Kurz vor fünf bin ich wach, krame die Taschenlampe raus und schau nach, ob sich in meine Trekkingstiefeln, die am Boden liegen, vielleicht etwas verkrochen hat. Es gibt Skorpione in der Wüste. Kinder haben uns gestern einen gezeigt: etwa sieben Zentimeter lang, ganz schwarz und tot. Aber bevor sie ihn erschlagen haben, hätte er gefährlich sein können. Fröstelnd, an eine Palme gelehnt, gönnt Stefan sich die erste Zigarette des Tages. »Gegen die Kälte«, wie er sagt. Er hat auf dem Feldbett vor dem Zelt genächtigt, weil er da den Sternenhimmel besser bewundern konnte. Der Morgentau aber hatte seinen Schlafsack feucht werden lassen und ihn frühzeitig von seinem Lager vertrieben. Nach einigen Minuten im Freien stellt sich das Nachtsehvermögen ein. So dunkel ist es gar nicht, die Silhouetten der Dattelpalmen heben sich klar vom Hintergrund ab, und der helle Sand reflektiert das Licht der Sterne. »Lass uns doch zu den Salims rübergehen, vielleicht gibt's ja schon Kaffee!« »Halt, ich bin dabei, nur noch die Schuhe!« reklamiert Bernhard. Kaffee gibt es noch keinen, auch keinen Ansturm auf die Toiletten und Waschgelegenheiten. Das Wasser aus den heißen Quellen riecht leicht schweflig, aber Gesicht waschen muss schon sein. Ein kleines Feuerchen spendet etwas Wärme, und die vermummten jungen Männer, die das Camp bewirtschaften, bemühen sich, für uns ein Frühstück auf den Tisch zu bringen: Kaffee und Tee, Weißbrot und Marmelade. Vor sieben stehen wir schon draußen am östlichen Rand der Oase, und die Ballone werden bereits kalt gefüllt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich entscheide mich für jetzt. »Roger, übernimm mal die Topleine, ich, ah, ...« Bevor er was sagen kann, sprinte ich hinter die nächste Düne. Windstille. Graue Wolken in mittlerer Höhe sind aufgezogen. Von unten strahlt die Sonne an deren Ränder und bringt sie zum Glühen. Das ist doch ein ganz anderes Panorama als im Camp, und dazu auch noch keimfrei... Obwohl wegen des bedeckten Himmels kaum Thermik zu erwarten ist, muss es wieder ganz schnell gehen. Man glaubt es nicht! Mit Bernhard und Patrick an Bord sind wir diesmal die ersten, die zur Ballonfahrt starten. »Stefan, was meinten die beim Briefing?« »Maximale Höhe dieser Ballonfahrt zweitausend Meter – nach Westen nicht weiter als bis zum Römischen Fort. Danach holen Dich nur die Kamele raus, oder Du fährst weiter, in zirka zwanzig Meilen quert dann noch mal eine Piste. Danach: Sand bis zum Atlantik. Die Rückholaktion über die Piste kann dann den ganzen Tag dauern. Verfehlst Du die Piste – Tage. Nach Osten nicht weiter als zwanzig Meilen rausfahren, aber auch nur dann, wenn nahe einer Piste gelandet werden kann. Die Bergung kann sich sonst hinziehen. Nach Norden und Süden geht sowieso nichts, da ist der Sand bereits ab der Oase unbefahrbar.« Klare Aussagen. Es leuchtet ein, dass in dieser Gegend mit dem Ballon nicht mehr machbar ist als das, was wir bereits erleben durften. Die Grenzen sind eng gesetzt, und sie erscheinen noch enger in dieser unendlichen Weite, die nach mehr verlangt. Lächerlich klein erscheinen die vorgegebenen Distanzen angesichts der Tatsache, dass das Auge in dieser klaren Luft unendlich weit zu sehen vermag. |

