Ballonfahrt

zum Hotel Sangho

Erbarmungslos, dieser Weckruf um fünf. Beim Vorsatz, diesmal früh gleich nach der Abend Ballonfahrt  ins Bett zu kommen, ist es bei den meisten auch geblieben. Doch außer Patrick will keiner weiterschlafen, zu sehr sind wir inzwischen angefressen vom Ballonfahren in dieser fremden Gegend.

Sechs Uhr. »Briefing, Briefing!« Diesmal ohne Sirene – mit Rücksicht auf die wenigen »normalen« Gäste im Nobelhotel. Dafür gibt es eine Überraschungsaufgabe: Jedes Team sucht sich einen Startplatz im Umkreis von zehn Kilometern um Tataouine und versucht sich die Ballonfahrt unter Ausnutzung der unterschiedlichen Höhenwinde so einzuteilen, um möglichst nahe am Hotel zu landen. Die Aufgabe ist erfüllt, wenn der Ballon genau über dem Pool steht. Berechtigte Zweifel an dieser Aufgabe machen sich breit. »Bei Charles ist noch ein Platz frei, willst Du da mit? Ich bräuchte sowieso eine Aufnahme vom >LIMES<.« »Warum nicht.« Charles war auch schon im letzten Jahr dabei, sein Know-how kann nur von Vorteil sein.

Die Gespanne verlieren sich schnell in der Dunkelheit, jeder ist auf sich gestellt. Wir verlassen Tataouine in Richtung Douirat. Zielstrebig steuert Charles sein fantasievoll bemaltes Ballonfahrt Gespann mit dem doppelachsigen Hänger von der Hauptstraße runter. Wo wir jetzt hinholpern, ist hinten drin nicht auszumachen. Es ist noch stockdunkel, und ich konzentriere mich darauf, nicht von meinem Notsitz zu rutschen, als sich die Karre beängstigend zur Seite neigt. Wir halten an. Hier geht nichts mehr. Schlaftrunkene, vermummte Gestalten kommen aus den einfachen weißen Häusern, um zurückhaltend zu beobachten, was denn die Fremden vor ihrer Türe machen. Die Piste endet hier im Dorf. Wir müssen wenden. Das macht Charles alleine, nachdem Rudi und Stefan, die uns gefolgt sind, zurückgesetzt haben. Erst als er das Auto wieder in Normallage gebracht hat, steigen wir wieder ein. Es dämmert schon, und wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Am Rande eines trockenen Wadis steht ein einzelnes Haus und davor ein geeigneter Startplatz, der groß genug erscheint für unsere drei Ballone. Die Bewohner haben nichts dagegen, dass wir hier vor ihrer Haustüre zur Ballonfahrt starten wollen. Im Gegenteil – das verspricht Abwechslung – denn so was passiert nicht alle Tage am Rande der Sahara. Viele Hände wollen helfen. Bis der Brenner laut Feuer spuckt. Dann beobachten sie abwartend, was weiter passiert. Unter Gejohle verlassen drei Ballone den schattigen Boden und drängen zum Licht. Fast null Wind. Der Himmel zeigt sich heute leicht bedeckt. Die Sicht ist bei weitem nicht so klar wie bei den vorangegangenen Ballonfahrten. Bereits in weniger als hundert Metern über Grund haben unsichtbare Strömungen die Ballone schon wieder auseinander treiben lassen. Die Sonne geht auf. Sie ist nicht wirklich sichtbar. Aber von den Tafelbergen im Osten dringt ihr heller Schein durch die dunstige Luft. Wir gehen höher, durchsteigen die Dunstglocke. Ein makellos blauer Himmel spannt sich von Horizont zu Horizont. Im Norden, im Dunst kaum erkennbar, breitet sich Tataouine aus, und außerhalb, aber etwas weiter im Südwesten, müsste das Hotel Sangho liegen. Aus unserer Posi­tion ist es aber nicht auszumachen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie wir dorthin kommen sollten, denn im Moment treiben wir nach Osten. Charles hat sein GPS locker auf den Korbrand gelegt. Erschreckt sehe ich das Teil bereits in der Tiefe zerschellen, als ich beim Filmwechsel ver­sehentlich dranstoße. Doch ein Sicherungsband verhindert, dass ich ein paar hundert Mark ärmer werde und mich höchst unbeliebt mache. Weiter östlich vor uns schwebt die silberne Kugel der Schweizer.

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